Gute Nacht Geschichte

„Papa erzählst du mir bitte eine Gute Nacht Geschichte?“ – diese Frage unseres Sohnes ist etwa ein Jahr her. Ich war mit der Frage im ersten Moment etwas überfordert. Ich hatte ein Zeitfenster von etwa 4 Minuten, um mir eine Geschichte einfallen zu lassen, die ich ihm erzählen konnte. Zähne putzen und Toilette waren mein Zeitfenster – Schnappatmung setzte ein, ich begann zu schwitzen.

Eine Gute Nacht Geschichte aus dem Stegreif

Ich beschäftige mich(zumindest heute) beinahe täglich mit dem Thema „Storytelling“ – ich hab auch schon vor einem Jahr für diverse Unternehmen Blogartikel geschrieben und ich schreibe für diesen Blog hier regelmäßig. Aber eine Gute Nacht Geschichte für Kinder und vor allem für DIESES Kind ließ Lampenfieber in mir aufkommen. Ich war auf einmal wieder 16 Jahre alt und Stand hinter dem Vorhang und wartete auf meinen Einsatz beim Schultheater.

Ok – so schlimm war es nicht, aber meine Gehirnwindungen mussten hart arbeiten, um etwas Brauchbares zu entwickeln.

Jede Story hat eine Formel

Formel Storytelling

Ich hoffte auf mein vorhandenes Wissen zum Thema Storytelling und versuchte so eine Gute Nacht Geschichte zu kreieren.

Beim Storytelling gibt es verschiedene Herangehensweisen, die seit Jahren von Werbern, Filmemachern, Autoren und eben Geschichtenerzählern verwendet werden. Ich holte mir also die vier Säulen für eine „erfolgreiche Geschichte“ wieder in Erinnerung.


Diese Säulen sind: der Protagonist (oder die Protagonisten), der Ort, der Zweck und die Handlung.


Damit erschuf ich Stück für Stück eine Gute Nacht Geschichte für Little S.

Der Protagonist

Wichtig bei der Person der Geschichte – egal in welchem Kontext die Geschichte entstehen soll – ist, dass sie zwischen dem Leser/Hörer der Geschichte und der Geschichte selbst eine emotionale Verbindung schafft. Tiere sind da vermutlich ein guter Ansatz, womit sich Kinder schnell verbunden fühlen. Ihr braucht nur einen Blick ins Bücherregal mit den Kinderbüchern werfen – mehr als 50% der Bücher haben Tiere als Protagonisten und ich wusste auch, dass die Lieblingsbücher von Little S zu 90% Geschichten mit Tieren sind.

Als ich darauf wartet, bis Little S auf der Toilette fertig war, fiel mein Blick auf seinen Kindergartenrucksack: ein Waschbär!

Das Tier war gefunden, aber wie sollte es heißen. Um eine emotionale Verbindung zu schaffen, war für mich sofort klar, dass der Name des Waschbären der zweite Vorname von Little S sein wird: Waschbär Paul.

In den Wochen nach dem Start mit der ersten Gute Nacht Geschichte bekam Waschbär Paul allerdings auch noch eine Handvoll Freunde dazu. Little S durfte bei den Namen der Tiere mithelfen und so kam es, dass ein Freund des Waschbären aus Thailand stammt – den Namen Sumakai hätte ich nämlich sonst nicht anders einbauen können. Die „Bande“ der Tiere besteht aus 5 Freunden. Dazu gibt es noch eine ältere Figur, die den Freunden immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Eltern der Freunde und andere Protagonisten kommen natürlich auch vor, sind aber nur fallweise in den Geschichten dabei.

Waschbär Paul

Der Ort

Hier ist das Wichtigste die Authentizität. Dieses Wort kann ich übrigens weder gerade aussprechen noch im ersten Anlauf richtig schreiben!

Ich entschied mich dafür als Ort immer etwas in die Gute Nacht Geschichte einfließen zu lassen, was Little S am Tag oder am Tag davor erlebt hatte. In der ersten Geschichte an besagtem Tag war es der Spielplatz und das Klettergerüst, welches bei den ersten 20 Versuchen nicht zu schaffen war.

Ab dem zweiten Tag, als Little S wieder nach einer Geschichte fragte, brauchte ich aber mehr. Ich hatte allerdings auch ein bisschen mehr Vorlaufzeit, als 4 Minuten. So ließ ich eine Wiese entstehen, die an einem See liegt, in den Bäumen auf der Wiese leben die Freunde mit ihren Familien – im See der alte, weise Fisch, der immer eine Antwort auf alle Fragen der Freunde hat. Auf der Wiese steht eine große Linde, wo sich die Freunde immer treffen, um ihr nächstes Abenteuer auszuhecken. Wiese, See, Baum waren natürlich alles Themen und Orte, die Little S nicht unbekannt sind, auch wenn er ein echtes Stadtkind ist 🙂

Der Zweck

Protagonist und Ort waren grundsätzlich recht schnell gefunden und ich war auch mit der Auswahl zufrieden. Jetzt geht es um den Zweck der Gute Nacht Geschichte. Was möchte ich meinem Kind damit vermitteln? Möchte ich meinem Kind überhaupt etwas vermitteln? Nachdem ich in vielen Fällen der Geschichte den Tag von Little S Revue passieren lasse, kommt es natürlich auch vor, dass Waschbär Paul oder eine andere Figur der Geschichte nicht teilen will oder ständig mit den anderen streitet.

So kann man, sollte es gerade aktuell ein Thema sein, dem Kind sehr schön vermitteln, welches Gefühl die Person hat, mit der nicht geteilt wird. Auf der anderen Seite kann man ein Kind, das vielleicht sehr zurückhaltend ist und immer den Kürzeren zieht, auch mal – durch die Blume – ermutigen und bestärken.

Aber es muss nicht immer ein erzieherischer Zweck sein. Bei Little S und mir war es oft Thema, dass er wissen wollte, was wir im nächsten Urlaub machen werden – darüber habe ich im letzten Artikel schon geschrieben. Dann habe ich einfach die 5 tierischen Freunde in die Geschichte in den Urlaubsort gepackt und sie machten eine Reise.

Die Handlung

Ein bisschen Handlung habt ihr ja durch das Setting und die Figuren schon mitbekommen – jetzt aber wird es etwas allgemeiner. Wie jeder von uns in der Schule gelernt hat, besteht eine Geschichte aus 3 Teilen: Einleitung, Mitte und Schluss. Wobei versucht werden sollte, damit einen emotionalen Bogen über die Geschichte zu spannen.

Für mich war am ersten Abend klar, ich musste weiter denken, wenn Little S Gefallen an der Gute Nacht Geschichte findet. Also dachte ich mir einfach längere Geschichten aus. Im Schnitt reicht eine ganze Geschichte meistens für ein paar Abend bis zu einer Woche.

Zu Wochenbeginn gibt es die Einleitung. Zum Beispiel planen die 5 Freunde ein Floß zu bauen und damit auf dem See herumzufahren. Sie überlegen, was sie alles brauchen und wie sie das Floß bauen. Am Tag zwei bauen sie dann das Boot – dabei darf natürlich der alte, weise Fisch nicht fehlen, der den Freunden Tipps gibt, wie sie das Floß bauen sollen. Am dritten Abend geht es dann endlich los.

Was dadurch auch möglich wird – ich kann zum Ende jeder „Teilgeschichte“ einen Cliffhanger einbauen. Dieser dient zum Aufrechthalten der Spannung für den nächsten Abend. Hier muss man gut abwägen, ob zu große Spannung dem Schlaf des Kindes schadet oder nicht.

Weitere Elemente für die Gute Nacht Geschichte

Das grobe Konstrukt mit den Parts der Einleitung, der Mitte und dem Schluss ist also gelegt. Was jetzt noch vertiefend hinzukommt ist eine weitere Formel, die immer und ewig bei Geschichten wirkt.

Die Heldenreise

Pixar, Star Wars, Firmen, wie Apple – alle arbeiten unter anderem mit der Heldenreise. An Hand dieser möchte ich (extrem verkürzt) die oben begonnen Geschichte mit dem Floß zeigen. Die Heldenreise besteht aus 12 Elementen – in einigen Fällen ist sie außerdem in drei Akte geteilt.

Heldenreise
  1. Die gewohnte Welt
    Die 5 Freunde sitzen bei der großen Linde, langweilen sich und wissen nicht, was sie tun sollen.
  2. Der Ruf zum Abenteuer
    Einer der Freunde hat die Idee, einen Ausflug zu machen – ein Floß zu bauen.
  3. Die Verweigerung des Rufs
    Ängstlichkeit lässt leise Zweifel an der Idee aufkommen – sie können noch nicht perfekt schwimmen.
  4. Begegnung mit dem Mentor
    Die Freunde sprechen mit dem alten, weisen Fisch, der ihnen sagt, dass sie das auf jeden Fall machen sollen. Sie brauchen keine Angst zu haben – sie haben ja Schwimmhilfen, die sie nehmen können.
  5. Überschreiten der ersten Schwelle
    Sie überwinden die Angst und beginnen das Floß zu bauen.
  6. Bewährungsprobe, Verbündete, Feinde
    Hier ist es natürlich abhängig davon, wie alt das Kind ist und wie dramatisch die Geschichte sein kann. Aber es kann natürlich von Wellen im See bis zu einer Schlange alles sein.
  7. Vordringen in die tiefste Höhle
    Kurz vor dem Showdown – zum Beispiel Stromschnellen vom Fluss, der vom See abfließt, oder das Gefährt, wird beschädigt. Das kann zum Beispiel passiert sein, weil die Freunde unterwegs gestritten haben.
  8. Entscheidungskampf
    Die Stromschnellen müssen überwunden werden oder das Leck geflickt. In der Heldenreise geht es um Leben und Tod – in der Gute Nacht Geschichte eher um ins Wasser fallen oder eben nicht…also hier natürlich auf die Zuhörer abstimmen 😉 sonst wird es vielleicht keine gute Nacht.
  9. Belohnung und Ergreifen des Schwertes
    Die Aufgabe ist erfüllt, das Hindernis überwunden und jetzt wird der Held – in dem Fall die Freunde belohnt. Sie finden eine kleine Insel im See oder eine Wiese nahe dem Fluss, die Unmengen an süßen Früchten „anbietet“.
  10. Rückweg
    Der Rückweg ist voller Erkenntnisse und erlebter Abenteuer. Auch hier kann man noch etwas Spannendes einbauen. Zum Beispiel die übersehen Uhrzeit, um rechtzeitig zum Abendessen zu kommen.
  11. Erneuerung oder Verwandlung
    Die Freunde kommen zurück nach Hause. Hier kann man zum Beispiel den erzieherischen Teil einbauen. Die Freunde haben erkannt, dass Streit nur Gefahren bringt und alles gut geht, wenn sie zusammenhalten.
  12. Rückkehr mit dem „Elixir“
    Das „Elixir“ hat die Helden verändert und das Gelernte im Abenteuer wird in den Alltag integriert. Die Freunde schwören sich unter der großen Linde, dass sie nie wieder streiten.

Noch mehr Inputs zur Heldenreise

Wenn ihr noch mehr wissen wollt, was das Format der Heldenreise betrifft, kann ich auch die Seite „Strategisches Storytelling empfehlen. Hier findet ihr alle Artikel auf der Seite zur Heldenreise inklusive Beispiele, die alles sehr gut veranschaulichen.

Bereit für eure eigene Gute Nacht Geschichte oder….

Mit diesen Informationen und Inputs habt ihr ein Grundgerüst dafür, dass ihr für eure Kinder eine eigene Gute Nacht Geschichte erfindet und sie erzählt.

Natürlich gibt es noch jede Menge andere Ratgeber und Seiten zum Thema Storytelling im Internet – wenn ihr Interesse an dem Thema habt, kann ich euch ein Buch empfehlen:
Tell me! von Thomas Pyczak (Amazon Affiliate Link).

Darin findet ihr sehr viele hilfreiche Informationen und Beispiele, die das Thema Storytelling bildhaft erklären. Ich habe es als Nachschlagewerk bei mir am Schreibtisch liegen und schmökere immer wieder darin oder lese etwas nach.

…doch eine Gute Nacht Geschichte zum Abonnieren?

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viel mit anderen Personen über das Thema Gute Nacht Geschichte gesprochen. Viele von den Personen lesen sehr gerne eine Gute Nacht Geschichte oder ein Buch zum Einschlafen vor. Selbst erzählen trauen sich viele nicht zu oder ihnen fehlt einfach die Phantasie.

Ich habe diese Idee nun weiter gesponnen und bräuchte dazu eure Hilfe. Ich möchte euch nämlich als Testleser*in engagieren.

Was ihr tun müsst?

Folgt einfach folgendem Link – dort erfahrt ihr mehr zu dem Thema, registriert euch als Testleser*in und ihr bekommt eure erste Geschichte, gemeinsam mit einem Fragebogen per E-Mail geschickt.

Nach der Auswertung der Antworten der Testleser*innen wird die Idee des Abos weiterverfolgt und konkretisiert oder überarbeitet.

Aus allen „Bewerbungen“ werden 10 Testleser*innen ausgewählt. Alle anderen interessierten Personen werden allerdings auch weiterhin über dieses Projekt informiert. Alle Neuigkeiten über dieses Projekt könnt ihr hier am Papa Blog lesen.

Bitte teile mich

Ich möchte gerne, dass möglichst viele Menschen von meinem Projekt erfahren, darum bitte ich dich, diesen Artikel gerne mit deinen Freundinnen und Freunden zu teilen.

Unten findest du die Möglichkeit, den Artikel zu teilen.



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One response

  1. Manno das hätte ich mal vor 16 Jahren wissen sollen als ich das Hunderttausende Male Pipi Langstrumpf im Takatukka Land am Bett meiner Tochter vorgelesen haben.
    Deine Tipps für eine gute Story nehme ich jetzt als Tool für meine Texte mit auf

    Danke und viele Grüße
    Karin

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